Bosnische Identität? Travnik und Bosnien-Herzegowina bei Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić
Lesung und Diskussion mit dem Travniker Schriftsteller Muharem Bazdulj und Museumskurator Enes Škrgo
Gibt es eine bosnisch-herzegowinische Identität? Und: Wie europäisch ist sie? Die Diskussion um den vermeintlichen Gegensatz von Europa und Balkan, Orient und Okzident, diverser ethnischer Identitäten, Kulturen, Nationalismen ist gerade dann brisant, wenn es heute um die europäische Integration von Bosnien und Herzegowina, dessen EU-Beitritt geht.
Schon im 20. Jahrhundert beschäftigte sie Ivo Andrić, der 1961 den Literaturnobelpreis erhielt „für die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet“. Andrić ist selbst auch ein Kind Travniks, der Partnerstadt von Leipzig in Bosnien und Herzegowina, in der sich die spezifische bosnische Vielfalt kristallisiert. Im Jahr 1892 wurde er dort geboren, noch heute steht dort sein Geburtshaus und erinnert als Gedenkmuseum an ihn und sein Werk. Und doch ist das Verhältnis der Travniker zu ihrem vielleicht berühmtesten Kind schwierig, denn über die nationale Zugehörigkeit und Identität Andrićs ebenso wie sein Verhältnis zu Bosnien, dem Islam, Travnik und den Travnikern wird heftig diskutiert.
Dabei verstand sich Andrić als Botschafter für sein Heimatland sowohl literarisch als auch professionell: 15 Jahre lang stand er für Jugoslawien im diplomatischen Dienst; von 1939 bis 1941 war er außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister des Königreichs Jugoslawiens im nationalsozialistischen Deutschland. Nachdem er sich auf die Literatur zurückgezogen hatte, erschien 1945 die Bosnische Trilogie, die maßgeblich zu seiner internationalen Bekanntheit beitrug. In seinem Roman „Wesire und Konsuln“, im Original die „Travniker Chronik“, führt er in das Travnik während der osmanischen Herrschaft, verarbeitet seine Erfahrungen aus dem diplomatischen Dienst literarisch und setzt sich mit den spezifischen Problemen und Anziehungskräften Jugoslawiens und Bosniens auseinander.
Zur Leipziger Buchmesse wollen wir die zwei Koffer symbolisch öffnen, in denen Andrić während seines diplomatischen Dienstes das historische Material für die Travniker Chronik mit sich trug. Wir tun dies mit einer verschränkten Lesung und Diskussion. Fragmente aus Andrićs Werk stellen wir dem Werk eines heutigen Travnikers gegenüber: Muharem Bazdulj wurde 85 Jahre nach Andrić in Travnik geboren; heute ist er einer der erfolgreichsten bosnischen Schriftsteller. Jüngst erschien die deutsche Übersetzung seines Romans „Transit. Komet. Eklipse“, in dem er sich direkt und indirekt mit Andrić und seinem Thema des Zusammentreffens der Kulturen auseinandersetzt.
Mit ihm und einem dritten Travniker, Enes Škrgo, Kurator des Ivo-Andrić-Geburtshauses, stellen wir Andrić und sein Thema schließlich in den nun aktuellen Kontext des heutigen Bosniens und loten Möglichkeiten und Grenzen auch seiner „Identität stiftenden“ Funktion für Bosnien und Herzegowina und Travnik aus. Moderiert wird die Diskussion von Sabine Willenberg, Politologin und Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Leipzig-Travnik.
Die Lesung findet am Donnerstag, den 15.03.2012, 18 Uhr in der Universitätsbibliothek "Albertina" im Fürstenzimmer statt.
Mit freundlicher Unterstützung des Seifert-Verlags, des Hanser-Verlags und des Referats für Internationale Zusammenarbeit.
Den Flyer zu unserer Veranstaltung gibt es auch als download.
